Die Zukunft der Altreifenverwertung
Revolution in der Abfallwirtschaft
Von Jayashri Ghosh
Ein saarländisches Unternehmen macht sich daran, die Abfallwirtschaft zu revolutionieren und entwickelt nebenbei die bislang innovativste Form, Altreifen zu verwerten. Pyrum Innovations aus Dillingen steht für ein ökologisch effizientes, durchsetzungsfähiges Recyclingverfahren im hauseigenen Reaktor.
Alles begann mit diesem Unbehagen, das der Verfahrensingenieur Klaus-Peter Schulz eines Tages empfand. Seit 40 Jahren in Sachen Recycling unterwegs, kennt Schulz sich bestens mit dem mannigfaltigen Scheitern der Pyrolyse im Drehrohrofen aus. Daher beschließt der 63-Jährige im Jahr 2006, einen Reaktor für eine kontrollierte Pyrolyse , die Thermolyse, bauen zu lassen, nach Plänen, die er selbst ausgearbeitet hat. In den Söhnen zweier Geschäftsfreunde findet er begeisterungsfähige Mitstreiter. Diese beiden Jungunternehmer Pascal Klein, CEO, und Julien Dossmann, beides studierte Betriebswirte, gründen Pyrum Innovations und bauen Schulzes Reaktor in einem Pilotprojekt. Heute, nur zwei Jahre später, kann das junge Startup-Unternehmen sich vor Anfragen aus aller Herren Länder kaum wehren.
Umweltschutz aus dem Reaktor
Bei Pyrum Innovations handelt es sich um ein Start-up Unternehmen aus dem Saarland mit Nebensitzen in Frankreich und Luxemburg. Die Firmengründung lässt sich auf das Jahr 2007 datieren. Pyrum Innovations arbeitet mit einer besonderen Form der Thermolyse, der kontrollierten Pyrolyse. Dabei wird ein neues Verfahren zum Umwandeln von Kunststoffen und Gummiabfällen zu Öl, Kohle und Gas sowie Energie umweltschonend angewendet. Bislang läuft nur eine Testanlage, eben jene Pilotanlage. Doch auch in dieser Anlage werden 150 Reifen pro Tag verwertet. Dazu muss man bedenken, dass allein in Deutschland pro Jahr rund 650 Tausend Tonnen Altreifen entstehen, von welchen derzeit nur etwa 30 Tausend Tonnen recycelt werden, der Rest wird einfach verbrannt. Acht Mitarbeiter sind derzeit im Unternehmen beschäftigt, die alle mit scharrenden Hufen in den Startlöchern für den Bau der ersten Großanlage auf dem firmeneigenen Gelände stehen. 2010 wurde ein Förderantrag zum Bau dieser Anlage bei der EU gestellt. Die Pilotanlage hat sich damals bereits bewährt und Geschäftsführer Pascal Klein träumt vom Bau einer Großanlage. Interessenten und Käufer für die Pyrum- Anlagen gibt es bereits jetzt schon genug. 40 Reifenentsorger haben ihr Interesse bekundet, mit sieben Partnern aus aller Welt, deren Namen noch geheim gehalten werden, befindet sich Pyrum in Verhandlungen. Pascal Klein und sein Team wollen jedoch den «perfekten Start»: Erst soll sich die neue, große Laboranlage bewähren, ihre «Kinderkrankheiten überwinden». Aus dem Grund lassen sich die Jungunternehmer auch nicht vom großen und schnellen Geld locken, und verkaufen sofort ihre Anlagen, sondern planen den Bau einer Präzedenzanlage, die so weit perfektioniert werden soll, dass sie wirklich fehlerfrei funktioniert.
Hart erkampfte EU-Förderung
Pünktlich zum Jahresende hat die junge Firma die hart erkämpften EU-Fördermittel in Höhe von 985.000 Euro erhalten, mit welchen eben diese große Laboranlage im Frühjahr gebaut werden soll. Diese Laboranlage kann 6000 Tonnen Altreifen pro Jahr entsorgen, und dies ohne jegliche CO2-Erzeugung. Mit ihrem Konzeptpapier «Therm4rec» setzten sich die Dillinger in Brüssel gegen 480 Mitbewerber um den Fördertopf durch. Nicht nur die EU, sondern auch die Industrie ist begeistert: 64 Maschinen sind bereits angefragt. Erst die große Anlage bauen, und wenn die rund läuft, geht das Baby aus dem Haus. Unternehmer mit Verantwortungsbewusstsein.
Ansatzvariation
In dem von Schulze entwickelten speziellen, neuartigen Reaktor versteckt sich das Geheimnis von Pyrum Innovations Thermolyse. Die zu thermolysierenden Stoffe werden von Innen beheizt, dadurch entsteht ein enger Kontakt zwischen dem Produkt und der Heizanlage. Die thermische Effizienz erhöht sich gegenüber der klassischen Pyrolyse im vertikalen Drehohrofen. Der Pyrum Reaktor hingegen steht hochkant und benötigt nur etwa die Hälfte an Temperatur, um wirkungsvoll aus Altreifen Rohöl und Anderes zu gewinnen. «Wir machen mit weniger Temperatur eine vollständige Thermolyse auch des kleinsten Körnchens möglich», sagt Pascal Klein. «Aus unserem entstehenden Rohöl kann durch «cracken» (Spaltung von Kohlenwasserstoffen) Diesel, Benzin oder Naphta erzeugt werden». Statt herkömmlich bohrinselförmiger, zähflüssiger Schmiere, bildet das Pyrum-Öl eine Viskosität von der Dichte eines Coca-Cola Getränks aus.
Fast keine Emissionen
Die im Bau befindliche Großanlage bleibt der grünen Philosophie treu: Es entstehen weder Geruch noch Abwasser noch hörbarer Lärm. Mit diesem Thermolyse-Verfahren wird das Jammern über die Verknappung des Energierohstoffes Öl obsolet. Doch gibt es von Seiten der Industrie keine Vorbehalte? «Wir arbeiten ja nicht gegen die Ölkonzerne», unterstreicht Pascal Klein im Gespräch. «Im Gegenteil. Sie wissen, dass der Bedarf in den kommenden Jahrzehnten steigen wird und finden unser Verfahren gut». Auf diese Weise beteiligt sich das Unternehmen nicht nur aktiv am Umweltschutz sondern gleichzeitig an der Versorgung mit wichtigen Energierohstoffen.
Das Verfahren: Thermolyse
Thermolyse meint eine thermische Zerlegung von organischen Substanzen, insbesondere Gummi-oder Kunststoffabfällen, unter Sauerstoffausschluss. In Schulzes Reaktor können neben Altreifen auch Bitumen, Biomasse, Verpackungsmaterial, Ölschiefer und Ölsand thermolysiert werden. Als Recyclingprodukte entstehen Gas, Koks und Öl, welche zu Plastiken und Polymeren, Elektrizität, Wärmeenergie oder Diesel und Benzin weiter verarbeitet werden können. Besonders für den Altreifenberg dürfte es interessant sein, dieses Recyclingverfahren zu nutzen. Denn bei der Thermolyse entfällt die umwelttechnisch problematische Erzeugung von CO2 vollständig. Die Endprodukte der Thermolyse sind im Falle der Verwertung von Altreifen: 50 Prozent Öl, 38 Prozent Koks und 12 Prozent Gas. Aus einer Tonne Gummigranulat werden außerdem heißes Wasser und 300 Kilowattstunden Elektrizität gewonnen. Das Rohöl weist mit 90 Prozent einen höheren Reinheitsgehalt auf als das herkömmliche Barrel-Öl und kann in Raffinerien weiter verarbeitet werden. Mit der größeren Laboranlage können mit dem Pyrum-Verfahren drei Millionen Liter Öl im Jahr gewonnen werden. Der Reaktor dieser Anlage wird 23 Meter in die Höhe ragen und weithin sichtbar das Credo der Firma im Industriegebiet-Nord verkünden. Erfreulich für die Reifenindustrie: Der bei der Thermolyse entstehende Koks kann beispielsweise als Füllstoff für neue Reifen-Gummimischungen weiter verwendet werden. Aus dem entstehenden Gas werden Energie und Wärme erzeugt, quasi als «Nebenprodukt». Zwölf Prozent des derzeit erzeugten Gases gehen in den Betrieb des eigenen Blockheizkraftwerkes, das die Motoren des Reaktors antreibt, der Rest wird verkauft. Fremdenergie wird nur benötigt, um die Anlage hochzufahren, danach ist sie selbst versorgend.
Erscheinungsdatum: 7.5.2012
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