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Onlineausgabe
20. Juni 2013

Die Zukunft der Altreifenverwertung

Revolution in der Abfallwirtschaft


Von Jayashri Ghosh

Ein saarländisches Unternehmen macht  sich daran, die Abfallwirtschaft zu revolutionieren  und entwickelt nebenbei die  bislang innovativste Form, Altreifen zu  verwerten. Pyrum Innovations aus Dillingen  steht für ein ökologisch effizientes,  durchsetzungsfähiges Recyclingverfahren  im hauseigenen Reaktor. 
Alles begann mit diesem Unbehagen, das der  Verfahrensingenieur Klaus-Peter Schulz eines  Tages empfand. Seit 40 Jahren in Sachen Recycling  unterwegs, kennt Schulz sich bestens  mit dem mannigfaltigen Scheitern der Pyrolyse  im Drehrohrofen aus. Daher beschließt der  63-Jährige im Jahr 2006, einen Reaktor für  eine kontrollierte Pyrolyse , die Thermolyse,  bauen zu lassen, nach Plänen, die er selbst  ausgearbeitet hat. In den Söhnen zweier Geschäftsfreunde  findet er begeisterungsfähige  Mitstreiter. Diese beiden Jungunternehmer  Pascal Klein, CEO, und Julien Dossmann,  beides studierte Betriebswirte, gründen Pyrum  Innovations und bauen Schulzes Reaktor in  einem Pilotprojekt. Heute, nur zwei Jahre  später, kann das junge Startup-Unternehmen  sich vor Anfragen aus aller Herren Länder  kaum wehren. 

Umweltschutz aus dem Reaktor 

Bei Pyrum Innovations handelt es sich um ein  Start-up Unternehmen aus dem Saarland mit  Nebensitzen in Frankreich und Luxemburg.  Die Firmengründung lässt sich auf das Jahr  2007 datieren. Pyrum Innovations arbeitet mit  einer besonderen Form der Thermolyse, der  kontrollierten Pyrolyse. Dabei wird ein neues  Verfahren zum Umwandeln von Kunststoffen  und Gummiabfällen zu Öl, Kohle und Gas  sowie Energie umweltschonend angewendet.  Bislang läuft nur eine Testanlage, eben jene  Pilotanlage. Doch auch in dieser Anlage werden  150 Reifen pro Tag verwertet. Dazu muss man  bedenken, dass allein in Deutschland pro Jahr  rund 650 Tausend Tonnen Altreifen entstehen,  von welchen derzeit nur etwa 30 Tausend  Tonnen recycelt werden, der Rest wird einfach  verbrannt. Acht Mitarbeiter sind derzeit im  Unternehmen beschäftigt, die alle mit scharrenden  Hufen in den Startlöchern für den Bau  der ersten Großanlage auf dem firmeneigenen  Gelände stehen. 2010 wurde ein Förderantrag  zum Bau dieser Anlage bei der EU gestellt. Die  Pilotanlage hat sich damals bereits bewährt  und Geschäftsführer Pascal Klein träumt  vom Bau einer Großanlage. Interessenten und  Käufer für die Pyrum- Anlagen gibt es bereits  jetzt schon genug. 40 Reifenentsorger haben  ihr Interesse bekundet, mit sieben Partnern  aus aller Welt, deren Namen noch geheim  gehalten werden, befindet sich Pyrum in  Verhandlungen. Pascal Klein und sein Team  wollen jedoch den «perfekten Start»: Erst soll  sich die neue, große Laboranlage bewähren,  ihre «Kinderkrankheiten überwinden». Aus  dem Grund lassen sich die Jungunternehmer  auch nicht vom großen und schnellen Geld  locken, und verkaufen sofort ihre Anlagen,  sondern planen den Bau einer Präzedenzanlage,  die so weit perfektioniert werden soll, dass sie  wirklich fehlerfrei funktioniert. 

Hart erkampfte EU-Förderung 


Pünktlich zum Jahresende hat die junge Firma  die hart erkämpften EU-Fördermittel in Höhe  von 985.000 Euro erhalten, mit welchen eben  diese große Laboranlage im Frühjahr gebaut  werden soll. Diese Laboranlage kann 6000  Tonnen Altreifen pro Jahr entsorgen, und dies  ohne jegliche CO2-Erzeugung. Mit ihrem  Konzeptpapier «Therm4rec» setzten sich die  Dillinger in Brüssel gegen 480 Mitbewerber  um den Fördertopf durch. Nicht nur die EU,  sondern auch die Industrie  ist begeistert: 64 Maschinen  sind bereits angefragt. Erst  die große Anlage bauen, und  wenn die rund läuft, geht  das Baby aus dem Haus.  Unternehmer mit Verantwortungsbewusstsein. 

Ansatzvariation 


In dem von Schulze entwickelten  speziellen, neuartigen  Reaktor versteckt sich  das Geheimnis von Pyrum  Innovations Thermolyse.  Die zu thermolysierenden  Stoffe werden von Innen  beheizt, dadurch entsteht  ein enger Kontakt zwischen  dem Produkt und der Heizanlage.  Die thermische Effizienz  erhöht sich gegenüber  der klassischen Pyrolyse im  vertikalen Drehohrofen. Der Pyrum Reaktor  hingegen steht hochkant und benötigt nur etwa  die Hälfte an Temperatur, um wirkungsvoll  aus Altreifen Rohöl und Anderes zu gewinnen.  «Wir machen mit weniger Temperatur eine  vollständige Thermolyse auch des kleinsten  Körnchens möglich», sagt Pascal Klein. «Aus  unserem entstehenden Rohöl kann durch  «cracken» (Spaltung von Kohlenwasserstoffen)  Diesel, Benzin oder Naphta erzeugt werden».  Statt herkömmlich bohrinselförmiger, zähflüssiger  Schmiere, bildet das Pyrum-Öl eine  Viskosität von der Dichte eines Coca-Cola  Getränks aus.

 Fast keine Emissionen 

Die im Bau befindliche Großanlage bleibt  der grünen Philosophie treu: Es entstehen  weder Geruch noch Abwasser noch hörbarer  Lärm. Mit diesem Thermolyse-Verfahren  wird das Jammern über die Verknappung  des Energierohstoffes Öl obsolet. Doch gibt  es von Seiten der Industrie keine Vorbehalte?  «Wir arbeiten ja nicht gegen die Ölkonzerne»,  unterstreicht Pascal Klein im Gespräch. «Im  Gegenteil. Sie wissen, dass der Bedarf in den  kommenden Jahrzehnten steigen wird und  finden unser Verfahren gut». Auf diese Weise  beteiligt sich das Unternehmen nicht nur aktiv  am Umweltschutz sondern gleichzeitig an der  Versorgung mit wichtigen Energierohstoffen.   

Das Verfahren: Thermolyse 


Thermolyse meint eine thermische Zerlegung  von organischen Substanzen,  insbesondere Gummi-oder Kunststoffabfällen,  unter Sauerstoffausschluss. In  Schulzes Reaktor können neben Altreifen  auch Bitumen, Biomasse, Verpackungsmaterial,  Ölschiefer und Ölsand thermolysiert  werden. Als Recyclingprodukte  entstehen Gas, Koks und Öl, welche zu  Plastiken und Polymeren, Elektrizität,  Wärmeenergie oder Diesel und Benzin  weiter verarbeitet werden können. Besonders  für den Altreifenberg dürfte es  interessant sein, dieses Recyclingverfahren  zu nutzen. Denn bei der Thermolyse  entfällt die umwelttechnisch problematische  Erzeugung von CO2 vollständig.  Die Endprodukte der Thermolyse sind  im Falle der Verwertung von Altreifen:  50 Prozent Öl, 38 Prozent Koks und 12  Prozent Gas. Aus einer Tonne Gummigranulat  werden außerdem heißes Wasser  und 300 Kilowattstunden Elektrizität  gewonnen. Das Rohöl weist mit 90 Prozent  einen höheren Reinheitsgehalt auf als  das herkömmliche Barrel-Öl und kann  in Raffinerien weiter verarbeitet werden.  Mit der größeren Laboranlage können  mit dem Pyrum-Verfahren drei Millionen  Liter Öl im Jahr gewonnen werden. Der  Reaktor dieser Anlage wird 23 Meter in  die Höhe ragen und weithin sichtbar das  Credo der Firma im Industriegebiet-Nord  verkünden. Erfreulich für die Reifenindustrie:  Der bei der Thermolyse entstehende  Koks kann beispielsweise als Füllstoff für  neue Reifen-Gummimischungen weiter  verwendet werden. Aus dem entstehenden  Gas werden Energie und Wärme erzeugt,  quasi als «Nebenprodukt». Zwölf Prozent  des derzeit erzeugten Gases gehen in den  Betrieb des eigenen Blockheizkraftwerkes,  das die Motoren des Reaktors antreibt, der  Rest wird verkauft. Fremdenergie wird nur  benötigt, um die Anlage hochzufahren,  danach ist sie selbst versorgend. 

Erscheinungsdatum: 7.5.2012


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